Finnlands letzter Schund

Lauras letzte PartyEine Gruppe von finnischen Autoren und Drehbuchschreibern hat sich an einer Krimi-Trilogie versucht. Band 1 ist jetzt auf Deutsch im Suhrkamp-Verlag erschienen. Der Fall über das Verschwinden einer Schülerin und die Facebook-Ermittlungen einer Ex-Polizei-Internetspezialistin und jetzigen Sonderpädagogin ist ihnen jedoch nicht geglückt. Sie hätten das Schreiben wohl besser einem versierten Krimi-Autoren überlassen sollen.

Miia Pohjavirta ist internetsüchtig und musste deshalb ihren Job als Coach bei der Polizei in Helsinki aufgeben, wo sie einst die Einheit für Ermittlungen in sozialen Netzwerken begründete und dann schnell als Internet-Spionin bekannt geworden ist. Das soll nun alles der Vergangenheit angehören, denn sie hat ein völlig neues Betätigungsfeld gefunden: In ihrer Heimatstadt Palokaski arbeitet sie jetzt an ihrer alten Schule als Sonderpädagogin. Ein Teil ihrer früheren Clique wohnt noch immer in dem ruhigen, finnischen Nest, und ihr kleiner Bruder Nikke arbeitet an ihrer Schule als Psychologe.

Ausgerechnet am letzten Ferientag, als sich Miia gerade dem versammelten Lehrerkollegium vorstellen möchte, wird bekannt, dass die 16-jährige Schülerin Laura Anderson verschwunden ist. Wie jedes Jahr hatten die Schüler die Ferien mit einer Party am Badestrand beendet. Seitdem wurde Laura nicht mehr gesehen.

Keine normale Beziehung zu der 16-Jährigen

Miia verfällt schnell wieder in alte Muster: Sie bietet ihrem ehemaligen Chef ihre Hilfe bei den Ermittlungen an, sie recherchiert bei Facebook mögliche Hintergründe für das Verschwinden und wird schnell darauf gestoßen, dass ihr Bruder Nikke offensichtlich keine ganz so normale Beziehung zu der 16-Jährigen gehabt haben soll, wie man es gemeinhin von einem Schulpsychologen erwartet.

An sich ist der Plot eine Kriminalgeschichte, wie es sie zigfach schon in anderen Büchern erzählt worden ist. Die finnische Uusimaa Newspaper findet jedoch, das Buch sei „ein dunkler, psychologischer Thriller, ein fesselndes Beziehungsdrama in Zeiten des Internets“. Dass nun ausgerechnet eine Internetspezialistin mit Fachgebiet „Soziale Medien“ ermittelt, ist für diejenigen, die das Internet noch für Neuland halten, vielleicht spektakulär. Digital Natives können darüber nur müde lächeln. Und leider nimmt gerade die Internetrecherche dann auch noch zu wenig Raum ein. Es genügt einfach nicht, eine Ermittlern ein wenig durch Facebook zu schicken, um dem Leser deutlich zu machen, dass hier eine Spezialistin am Werk ist.

Wer wirklich einen guten Thriller lesen möchte, in dem eine Internetspezialeinheit der Polizei agiert, sollte beherzt zu der neuen Reihe von Karl Olsberg rund um die “Sonderermittlungsgruppe Internet” des LKA Berlin greifen. Der zweite Band ist im Frühjahr erschienen, weitere werden wohl folgen. Von der Palokaski-Trilogie jedoch kann man nur abraten.

Ein finnischer Anwalt sagt „Servus“

Möglicherweise liegt es an der Übersetzung, dass der Roman auch sprachlich nicht ansprechend ist. Dass die Schuldirektorin nicht in der Lage sein soll, die Grammatik zu beherrschen, ist wohl kaum vorstellbar. Dennoch gebraucht sie „brauchen“ ohne „zu“, und der Rezensent wird nicht müde werden, solche grammatikalischen Fehler zu erwähnen. Und dass ein finnischer Anwalt zur Verabschiedung tatsächlich „Servus“ sagten sollte, ist zwar ein nettes Beispiel von einem zusammenwachsenden Europa, aber dennoch eher ungewöhnlich.

Letztlich kann ein Leser von einer Sonderermittlerin der Polizei wohl mehr Feingefühl, Klasse und Lebenserfahrung erwarten, als Gedankengänge wie diese hier: „Als Verdächtiger kam der sonderbare Kauz auch weiterhin in Frage. Wer so unverfroren über die Brüste fremder Frauen redete, konnte sich locker an seinen Schülerinnen vergreifen.“ Das ist eigentlich nur eins: Billige Schund-Kriminalliteratur, die den Stempel „Literatur“ nicht verdient hat. Es erstaunt, dass es der renommierte Suhrkamp-Verlag ist, der sich die „Palokaski“-Trilogie an Land gezogen hat. Wer so großartige Krimi-Autoren wie Don Winslow, Reginald Hill und André Georgi im Programm hat, kann doch solche Bücher nun wirklich Publikumsverlagen wie Bastei Lübbe überlassen.

„Lauras letzte Party“ enttäuscht auf der ganzen Linie. Teil zwei und drei erscheinen im September und November. Wer den ersten Teil gelesen hat, muss im Grunde auch zum zweiten und dritten greifen, denn eine Lösung ist im ersten Buch nicht annähernd in Sicht. Wer aber gute Kriminalliteratur schätzt, findet sicher Besseres als die „Palokaski“-Trilogie.

J. K. Johansson: Lauras letzte Party, Suhrkamp Verlg, Berlin, 2015, 267 Seiten, Taschenbuch, 8,99 Euro, ISBN 978-3518465905, Buchtrailer, Leseprobe

Ophelia schwimmt wieder

Das QuartettDas fünfte Rad am Wagen ist entweder nur Ersatz oder störend, weil es das Gefährt aus der Spur bringt. Ähnlich müsste es bei einem Quartett sein, zu dem ein Fünfter stößt. Fügt es sich, wird es ein Quintett, bleibt das Quartett aber intakt, welche Rolle fällt dem Fünften zu? Bei Manuel Vázquez Montalbáns „Quartett“ ist dies eine von vielen Fragen, die nur unbefriedigend gelöst werden.

Montalbán ist im deutschen Sprachraum vor allem durch seine Kriminalromane mit Pepe Carvalho („Carvalho und die tätowierte Leiche“) bekannt, in denen der Privatdetektiv die Leidenschaft für gutes Essen mit seinem Schöpfer teilt. Der 2003 verstorbene Montalbán war aber nicht nur bekennender Gourmet und Romanautor, sondern auch noch Essayist und Kolumnist der spanischen Tageszeitung El País. Der Kurzroman „Das Quartett“ jedoch weiß offenbar nicht recht, was er sein soll: Charakterstudie, Kriminalroman, Abhandlung oder Kammerspiel.

Auch hier dreht sich die Handlung um einen Mord. Die junge Antiquitätenhändlerin Carlota ist ertränkt und anschließend von Pflanzen umrankt im Teich ihres Anwesens drapiert worden. Wer hier Patin für die schöne Leiche stand, wird auch dem letzten unwissenden Leser schnell beigebracht, denn Montalbán erinnert zunächst an die Ophelia von Everett Millais und zitiert sodann aus Shakespeares Hamlet jene Passage, in der Hamlets Mutter den Tod der Ophelia beschreibt.

Zwei Frauen, drei Männer

Millais ist bei Montalbán das „präraffaelitische Genie“, und Carlota habe man als „präraffaelitische Schönheit bezeichnen können, während Pepa einer Yankeehure der Zwischenkriegszeit glich“. Zwei Frauen, drei Männer. Das Quartett + 1.

Das Quartett besteht aus zwei Ehepaaren, alle um die 30 Jahre alt, schön, erfolgreich, vermögend, egoistisch. Abseits steht und beobachtet der ältere Señor Ventòs das Treiben der Vier: Carlota und Luis sowie Pepa und Modolell.

„Die vier waren zehn Jahre jünger als ich und streckten ihre makellosen Gesichter dem Ernst der Vierzig entgegen, einem Alter, in dem jeder bereits für sein Gesicht selbst verantwortlich ist; und obwohl sie über die Anzeichen ihrer schon spürbaren Reife witzelten, trösteten sie sich durch den wohltuenden Vergleich mit mir.“

Rätselhaft ist nur der Sinn

Señor Ventòs betrachtet die beiden Paare distanziert, als habe er zuvor eine Glasglocke über die Szenerie gestülpt. Die wäre wahrscheinlich aus Murano-Glas, denn Señor Ventòs wohnt seit dem Tod seiner Mutter allein in einem Haus mit einer kostbaren Sammlung von Murano-Glas.

Und während er es sich in seinem Charles-Eames-Sessel mit einem Glas Knockando Gran Reserva bequem macht, betrachtet er die Menschlein. Den Tod der Carlota, die Verhaftung seiner Freunde und das Rätsel eines Verbrechens, das im Grunde kein Rätsel ist, sondern dem Leser schnell offenbar wird. Rätselhaft ist nur der Sinn dieses Kurzromans.

Ja, es könnten fünf Charakterstudien sein. Doch sie werden derart ungewürzt dargeboten, dass es wundert, wie der Gourmet Montalbán daran Gefallen gefunden hat. Sprachlich sind sie viel zu gekünstelt und zeitweise geradezu affektiert.

Manche virtuosen Sätze stechen zwar heraus und sind für die Kategorie „Schöne Worte“ aufschreibenswert, doch meist ist der altkluge und stark von sich eingenommene Señor Ventòs nicht in der Lage, den Leser nachhaltig zu begeistern. Schade um die schöne Ophelia.

Manuel Vázquez Montalbán: Das Quartett, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2012, 90 Seiten, Taschenbuch, 8,90 Euro, ISBN 978-3803126863

Oh, du mein arg romantisch pochendes Herz

Wir schreiben die siebziger Jahre. In einer Moorlandschaft im Süden Englands hat sich eine Künstlerkolonie angesiedelt, deren Bewohner das freie Leben genießen. Auch Cecilia wächst dort auf. Ihre Eltern Dora und Patrick haben ein altes Gehöft gekauft, in den Ställen kommen andere Hippies unter, bezahlt wird mit Naturalien oder handwerklichen Dingen. Das alles geht Cecilia gehörig auf den Keks. Am schlimmsten für sie ist aber die antiautoritäre Erziehung an ihrem Internat, einer Reformschule, wo sie auch das Töpfern und Flechten erlernt. Welch ein Lichtblick, als der ernsthafte Englischlehrer James Dahl an die Schule kommt, und die 15-jährige Cecilia und ihre Freundinnen sich reihenweise in den Mann verlieben.

„Gefährliche Nähe“, das ist Joanna Briscoes aktueller Roman, der in Deutschland jetzt bei Bloomsbury Berlin erschienen ist. Und wie der Vorgänger „Schlaf mit mir“ ist auch dieses Buch sehr emotional, schwülstig und für das romantische Herz geschrieben. Kaum vorstellbar, dass ein Mann an diesem Buch Gefallen finden kann. Jedoch: Freundinnen von tiefromantischen Liebes- und Familiensagas werden wahrscheinlich ihre helle Freude daran haben.

Es kommt, wie es kommen muss: Die belesene Cecilia entbrennt in tiefer Liebe zu ihrem Lehrer, weil er die klassische Bildung verkörpert. Auch er liest Bücher, weiß daraus zu zitieren und ist ansonsten unnahbar ernsthaft. In der Beschreibung erinnert Mr. Dahl an Matthew Macfadyen und seine meisterhafte Darstellung des Mr. Darcy in der Joe-Wright-Verfilmung von „Stolz und Vorurteil“.

Vom zarten Band zur gefährlichen Nähe

Zwischen Cecilia und James Dahl entwickelt sich ein zartes Band, das sich mehr und mehr zur titelgebenden gefährlichen Nähe entwickelt. Die wird zwar von Cecilias Mutter Dora gesehen, aber nicht wirklich erkannt. Dafür ist keine Zeit, denn Dora fühlt sich zum anderen Part der Dahls hingezogen, Elisabeth, James‘ bi-interessierte Ehefrau.

Rund zwanzig Jahre später kehrt Cecilia mit ihrer eigenen Familie in das Haus ihrer Kindheit zurück, um näher bei ihrer krebskranken Mutter zu sein. Die Erinnerungen an die Erlebnisse in ihrer Kindheit prasseln auf sie ein, und schnell wird deutlich: Auch jetzt noch lauert an diesem Ort eine gefährliche Nähe.

Es wird viel gefühlt und geliebt in diesem Roman, dafür fehlt es an derb-deftigen Sexszenen, wie man sie noch in „Schlaf mit mir“ lesen konnte. Wer also zumindest darauf hofft, wird enttäuscht werden. Insgesamt bleibt es ein Liebesroman durch und durch, der sich durch die verbotene Liebe zwischen Lehrer und Schülerin etwas Reiz verspricht, ihn aber nicht halten kann. Wieder mal ein Buch für den Urlaub, sofern man ein arg romantisch pochendes Herz besitzt.

Joanna Briscoe: Gefährliche Nähe, Bloomsbury Verlag, Berlin, 2012, 495 Seiten, gebunden, 22,90 Euro, ISBN 978-3827010490