Seitengang im Jahr 2015

Ein Teil meines Regals der ungelesenen Bücher. (c) Christian Lund
Ein Teil meines Regals der ungelesenen Bücher. (c) Christian Lund
Das Jahr neigt sich dem Ende zu – es wird also höchste Zeit für ein kleines Fazit. Noch immer habe ich nicht alle Bücher verbloggt, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Auf meiner To-do-Liste stehen jetzt noch zehn Werke, und die nächsten warten schon ungeduldig in meinem Regal der ungelesenen Bücher.

Ich habe viele tolle Bücher gelesen in diesem Jahr. Wenn ich gefragt werde, was meine drei Lieblingsbücher im Jahr 2015 waren, dann fällt mir die Auswahl ziemlich schwer, aber es waren wohl diese drei, die mich am nachhaltigsten beeindruckt haben:

1.) Barbara Yelin – „Irmina“: Die Autorin und Zeichnerin erzählt die Geschichte einer jungen Mitläuferin zur Zeit des Nationalsozialismus’. Viele Bücher sind darüber geschrieben worden, aber selten geht eines dem Leser so nahe wie dieses. Vielleicht weil Barbara Yelin das Leben ihrer eigenen Großmutter als Vorlage genommen hat. Vielleicht auch, weil es eine Generation an das Schweigen ihrer Eltern und Großeltern erinnert.

2.) Peter Høeg – „Der Susan-Effekt“: Dänemark ist nicht gerade bekannt für seine Superhelden. Der dänische Schriftsteller Peter Høeg hat für seinen neuen Roman eine ganze Superhelden-Familie erfunden. Als alle Familienmitglieder der Svendsens in Indien in heftige Schwierigkeiten geraten, kann sie nur noch der Geheimdienst retten. Der aber macht nichts umsonst, und so muss die Elementarphysikerin Susan ihre besondere Fähigkeit einsetzen, um den Rest der Familie auszulösen. Toller, anspruchsvoller Thriller!

3.) Marceline Loridan-Ivens – „Und du bist nicht zurückgekommen“: Loridan-Ivens ist 15 Jahre alt, als sie mit ihrem Vater deportiert wird. Sie kommt nach Birkenau, er nach Auschwitz. Sie überlebt. Er nicht. Jetzt ist sie 87 Jahre alt und hat ihrem Vater einen letzten Brief geschrieben. Lesen Sie ihn! Mir ging er sehr zu Herzen, und er hat mich bis heute nicht losgelassen.

Das sind also meine drei liebsten Goldstücke dieses Jahres. Diese und alle anderen finden Sie in der Kategorie „Vortreffliches“, die mir der Sommer zugetragen hat. Dort finden Sie die Rezensionen jener Bücher, die ich als besonders lesenswert lobe. Bislang sind sie im Strom der übrigen Texte nur schlecht auffindbar gewesen. Wenn Sie nun also auf meinem Blog landen, um Anregungen für ein Buchgeschenk zu finden oder weil Sie auf der Suche nach Ihrem nächsten Leseerlebnis sind, dann klicken Sie sich doch vertrauensvoll in die neue Kategorie „Vortreffliches“.

Das bedeutet nicht, dass alle anderen Bücher nicht lesenswert sind – die vortrefflichen jedoch sind meine Goldstücke und Lieblinge. Die wirklich schlechten Bücher finden Sie nach wie vor in der allseits bekannten Kategorie „Werke, die das Regal nicht braucht“.

Am häufigsten angeklickt haben die Besucher meines Blogs in diesem Jahr diese fünf Beiträge:

1.) Welttag des Buches: Seitengang verlost elf Bücher: Das Gewinnspiel zum Weltbüchertag im April war auch 2013 und 2014 schon jeweils auf Platz 1 – es ist also nicht verwunderlich, dass es auch in diesem Jahr auf großes Interesse gestoßen ist. Auch in 2016 wird es sicherlich erneut eine Verlosung geben.

2.) Zwischen Porno und Poesie: Die Kurz-Rezension zu Jan Offs Roman „Unzucht“ habe ich bereits im Juli 2012 veröffentlicht. Sie wurde aber in diesem Jahr noch einmal interessant, nachdem Sarah Kuttner auf ihrem Facebook-Profil das Buch empfohlen hatte und ich – ihr beipflichtend – kurzerhand meine Rezension verlinkt habe.

3.) Du hast Angst vorm Hermannplatz: Das hat mich am meisten erstaunt: Diese Rezension über Peter Huths Horrorroman „Berlin Requiem“ habe ich im Juli 2014 veröffentlicht, und erst in diesem Jahr hat sie es in die „Top 5“ meiner Rezensionen geschafft – warum auch immer.

4.) Die Wand am Strand: Eigentlich haben Rezensionen, die man Ende Dezember veröffentlicht, keine Chance, noch in die Liste der beliebtesten Beiträge des Jahres zu kommen. Anders erging es meinem Beitrag über die Graphic Novel „Sandburg“ des Genfer Comic-Zeichners Frederik Peeters. Am 29. Dezember veröffentlicht, hat die Rezension jetzt schon so viele Besucher gehabt, dass sie den vierten Platz der besten Beiträge des Jahres ergattert hat.

5.) Die Liga der außergewöhnlichen Super-Dänen: Den fünften Platz nimmt die Rezension eines meiner Lieblingsbücher dieses Jahres ein: Peter Høegs „Der Susan-Effekt“. Das freut mich sehr! Eigenwillig, zeitweise höchst amüsant und mit Bonmots gespickt ist dieser neue Wurf von Peter Høeg die richtige Wahl für anspruchsvolle Thriller-Leser. Unbedingt mal anschauen!

Da sich „Die Wand am Strand“ so schnell nach oben katapultiert hat, ist die Rezension zum ersten Roman der Softporno-Trilogie „Shades of Grey“ („Amerika macht Ah!“) auf den sechsten Platz verdrängt worden und somit nicht mehr in den „Top 5“. Auch dieser Beitrag ist bereits 2012 veröffentlicht worden, hat aber in diesem Jahr noch einmal für Interesse gesorgt. Ich hoffe, ich konnte möglichst viele Leser davon abhalten, das Buch zu lesen.

Aus 41 Ländern haben Menschen meine Seite besucht, am häufigsten jedoch aus Deutschland, Österreich und den Vereinigten Staaten. Danke, dass Sie alle mir die Treue halten!

Nach wie vor erscheinen meine Beiträge in unregelmäßigen Abständen. Wollen Sie alle Neuigkeiten bequem per E-Mail bekommen, können Sie sich mit Ihrer Mail-Adresse oben rechts für den Newsletter anmelden. Außerdem können Sie die Beiträge auch über einen RSS-Feed abrufen. In den sozialen Netzwerken ist dieser Blog bei Facebook, Twitter und Google+ zu finden. Auch bei Bloglovin’ können Sie mir folgen. Mein Instagram-Account trägt zwar den Namen dieses Blogs, aber bei meinen Fotos geht es nicht immer nur um Bücher. Scheuen Sie sich trotzdem nicht, mal einen Blick darauf zu werfen.

Ich hoffe, Sie alle bleiben mir auch im Jahr 2016 gewogen! Ich wünsche Ihnen einen guten Rutsch und alles Gute für das kommende Jahr – vor allem natürlich viele gute Bücher!

Die Wand am Strand

SandburgWie reagieren Menschen in Extremsituationen, wenn sie den Ort des Geschehens nicht verlassen können, obwohl sie nichts lieber tun würden, als vor dem Grauen zu flüchten? Diesem Thema widmet sich die Graphic Novel „Sandburg“ des Genfer Comic-Zeichners Frederik Peeters, der damit ein kleines Meisterwerk geschaffen hat, das den Leser und Betrachter wahrlich in seinen Bann zieht. Unbedingt anschauen!

Es beginnt herrlich idyllisch: Über einer Bucht am Meer bricht ein Sommertag an. Zwei Familien genießen die Einsamkeit der Badestelle. Oma geht mit dem Kleinen schwimmen, die anderen beiden Kinder buddeln Sandburgen, die Eltern liegen in der Sonne, und Hund Elvis tollt am Wasser herum. Doch plötzlich ist es vorbei mit der Sommerfrische, denn Oma und der Kleine entdecken im Wasser die Leiche einer jungen Frau. Die Vermutungen zur Todesursache überschlagen sich, als ausgerechnet ein einsamer Mann dazu tritt. Ein Algerier, wie sich herausstellt.

Damit nimmt das Unheil seinen Lauf. Denn aus Richtung des einen Familienvaters schlägt dem Mann sofort eine unverhohlene Fremdenfeindlichkeit entgegen. Für ihn ist schnell klar, wer für den Tod der Frau verantwortlich ist: „Dieser Mann hat die junge Frau vergewaltigt, zusammengeschlagen und ertränkt, damit sie schweigt… dann sind wir aufgetaucht und haben ihm die Flucht vermasselt!“ Doch es gibt auch Zweifler und Verteidiger. Und letztendlich, so viel darf man verraten, ist das nur der Anfang eines großen Mysteriums, das sich erschreckend ausweitet. Denn mit einem Mal scheinen die Uhren an dieser Bucht anders zu laufen. Und das hat dramatische Auswirkungen für die Strandbesucher.

Faszinierendes Kammerspiel

Das Szenario zu dieser raffinierten Graphic Novel stammt von dem französischen Filmemacher Pierre Oscar Lévy, der sich hier zum ersten Mal an einem Comicstoff versucht hat. Hoffentlich nicht zum letzten Mal gemeinsam mit Frederik Peeters, denn der international erfolgreiche Zeichner hat dem faszinierenden Kammerspiel am Strand mit seinen großartigen Schwarzweiß-Bildern den richtigen Rahmen gegeben. Das Sujet ist zwar nicht neu – schon viele andere Autoren haben sich auch in ähnlich dystopischen Umgebungen damit beschäftigt, wie sich wenige Menschen in extremen Situationen verhalten, aus denen sie nicht entkommen.

Zu nennen wären da Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ (wunderbar verfilmt von Julian Pölsler), Stephen Kings „Die Arena“ oder auch Heinz Helles „Eigentlich müssten wir tanzen“. Aber obwohl das Thema etwas abgegriffen scheint, ist „Sandburg“ so fürchterlich mitreißend. Und das liegt nicht nur an der mysteriösen Geschichte, sondern auch an den gut angelegten Charakteren der handelnden Personen, die so unterschiedlich mit dem Unbegreiflichen umzugehen versuchen.

„Sandburg“ ist die perfekte Lektüre für die kalten Tage, wenn der vergangene Sommer schon so fern scheint und die Erinnerung an die flirrende Hitze Stoff für allerlei seltsame Phantasien bietet. Diese ist eine der seltsamsten, gleichzeitig aber auch eine der eindringlichsten. Schnell vergessen wird man sie nicht.

Frederik Peeters/Pierre Oscar Lévy: Sandburg, Reprodukt Verlag, Berlin, 2013, 100 Seiten, broschiert, 18 Euro, ISBN 978-3943143799, Leseprobe

„Jaaa. Weihnachten. Jaja.“

(c) Insel VerlagBereits vor drei Jahren ist im Insel-Verlag das Büchlein „Dezembergeschichten“ erschienen: eine Sammlung von zehn Kurzgeschichten von Peter Bichsel, dem Schweizer Meister der literarischen Kleinode. Es ist Dezember, wir stehen kurz vor dem Weihnachtsfest – keine Zeit eignet sich besser, um dieses famose Buch aufzuschlagen.

Peter Bichsel ist international für seine hervorragende Kurzprosa, aber auch für seine Romane bekannt. In dem nur 60 Seiten umfassenden Bändlein der Insel-Bücherei hat Herausgeberin Adrienne Schneider zehn Texte aus dem großen Werk Bichsels ausgewählt, die thematisch in den Dezember und zur Weihnachtszeit passen. Es sind Geschichten, fürwahr, doch würde Bichsel sie bloß „Kolumnen“ nennen. Einige davon sind auch als solche in der Schweizer Illustrierten erschienen, wo er noch immer publiziert.

Sie erzählen von belauschten Gesprächen in der Eisenbahn, von der Arroganz der Erwachsenen gegenüber Kindern, von Fremdenfeindlichkeit oder auch von Bichsels Großvater und dessen Bananenbaum. Das klingt, abgesehen von der Fremdenfeindlichkeit, in erster Linie sehr vergnüglich, doch mitunter beschleicht den Leser ein ungutes Gefühl, wabernd und wie Nebelschwaden. Denn Bichsel schreibt nicht nur auf, was er beobachtet oder hört. Er ist nicht bloß Chronist des Alltags, sondern legt den Finger in manche Wunden und drückt dann zu.

Beispielhaft sei hier die erste Kurzgeschichte erwähnt, die den schlichten Titel „Feiertage“ trägt. Hier bemerkt Bichsel nicht ohne Ironie unseren nachlässigen Umgang mit christlichen Feiertagen wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten: „Die Feiertage sind nicht besonders, weil sie uns zur Gewohnheit geworden sind, zu einer noch größeren Gewohnheit als der Alltag.“ Solche Sätze schmerzen, weil sie so wahr sind. Und der Rest stimmt wohl leider auch.

Bichsels Miniaturen sind reizvoll schlicht und lassen sich dennoch nicht hintereinander weglesen. So ist das Bändchen „Dezembergeschichten“ eher ein Buch zum Innehalten und Nachdenken. Weniger zum Nachdenken als zum Stirnrunzeln verführt jedoch eine Passage in der Kurzgeschichte „Die heilige Zeit“, wo sich der Schweizer ordentlich in der deutschen Grammatik vertut: „Eine Geschichte hat seine Zeit, hat einen Anfang und ein Ende, wie das Leben.“ Von wem da die Rede ist, bleibt offen. Möglicherweise meint Bichsel mit dem Pronomen sich selbst und nicht etwa die Geschichte. Wohl eher aber liegt er dem Irrglauben auf, wenn alles seine Zeit habe, habe auch eine Geschichte seine Zeit und nicht etwa ihre.

Lehrerkindern und genauen Lesern fallen solche Fehler sofort auf, andere überlesen sie vielleicht. Allen aber sei trotz des kleinen Fehlers dieses Büchlein ans Herz gelegt, für die Weihnachtszeit ebenso, wie für die Zeit davor und danach. Die Herausgeberin schreibt in ihrem Nachwort, dass in nur wenigen Worten eine „detailgenaue Bichselwelt“ entsteht. Bichsels Antwort etwa auf die Frage, was er an Weihnachten mache, sei lapidar: „Jaaa. Weihnachten. Jaja.“ Mehr nicht. Treten Sie also ein in diese Bichselwelt!

Peter Bichsel: Dezembergeschichten, Insel Verlag, Berlin, 2013, 60 Seiten, gebunden, 8 Euro, ISBN 978-3458193883, Leseprobe

„Lichthupe Vollgas“ durchs Theaterleben

Foto: Insel-Verlag„Kellner, Nutten, Taxifahrer und Schauspieler. Alles dasselbe. Dienstleistendes Gewerbe.“ In dem Insel-Bändchen „Alles Theater“ erzählen Berliner Schauspieler wie Ulrich Matthes, Fritzi Haberlandt oder Martin Wuttke sehr persönlich vom Theaterleben, vom Zauber der Bühne und von anderen Dingen. Brigitte Landes hat sie reden lassen und ihre Worte notiert, die Schauspielerin und ehemalige Theaterfotografin Margarita Broich hat zum Fotoapparat gegriffen und sie zum Teil noch in Kostüm und Maske abgelichtet, kurz nachdem sie die Bühne verlassen haben. Entstanden sind 32 Kurz-Porträts, die ein kleiner Schatz sind.

Der 2013 verstorbene Schauspieler Otto Sander ist nur mit dem eingangs erwähnten Bonmot vertreten. Auf der Fotografie trägt er noch sein Bühnenoutfit aus Samuel Becketts „Das letzte Band“, gespielt am Renaissance-Theater in Berlin im Jahre 2009. Auf dem Tisch steht eine Dose Taft-Haarspray, in der rechten Hand hält Sander eine Zigarette. Es sind diese Fotos von Margarita Broich, Ehefrau von Martin Wuttke und neue Kommissarin im „Tatort“ Frankfurt, die für den besonderen Reiz des Büchleins sorgen: Sie hat oft genau im richtigen Moment abgedrückt, bevor die Theaterrolle abfällt und sich die Alltagsrolle wieder an den Leib schmiegt. Das Foto von Otto Sander ist die schlichte Verbildlichung seines Bonmots. Treffender kann ein Porträt kaum sein. Und es ist eine wahre Kunst, diesen Augenblick abzupassen. Das ist Broich gelungen. Sehenswert sind hier übrigens auch Lars Eidinger, Corinna Harfouch und Ben Becker.

Das Buch lässt die Porträtierten zu Wort kommen, aufgeschrieben von Brigitte Landes. Sie hat dabei die Wortwahl und den Duktus ihrer Gesprächspartner löblicherweise übernommen. So schnoddert Alexander Scheer über die „Castorf-Knochenmühle“: „Da merkst du erst nach ein paar Shows, wie geil Castorf das Ding gebaut hat.“ Und das Ensemble geht dabei „Lichthupe Vollgas“ und „voll auf die Zwölf“, muss sich völlig „aufrauchen“.

Auf der anderen Seite philosophiert Burghart Klaußner über den Schutz der „Ersatzwelt der Bühne vor der Erstwelt“, und Fritzi Haberlandt spricht über das Erleben von Glück auf der Bühne, während man eigentlich nur dankbar sein müsse, dass immer noch so viele Menschen ins Theater kommen, um selbst zu erleben und in den Bann geschlagen zu werden.

Auch „Alles Theater“ vermag in den Bann zu schlagen. Es ist zwar nur eine kleine Auswahl von Schauspielern, aber sie ist fein, sie ist in den meisten Fällen interessant, und sie ist vor allem eine gelungene Komposition aus Fotografie und Text.

Margarita Broich/Brigitte Landes: Alles Theater, Insel Verlag, Berlin, 2015, 79 Seiten, gebunden, 18 Euro, ISBN 978-3458200161, Leseprobe

Die verrätselte Frau und der Schurke im gelben Pullover

Roses Lächeln„Roses Lächeln“ war eigentlich eine Fortsetzungsgeschichte. Im digitalen Comic-Magazin „Professor Zyklop“, das im deutsch-französischen Kulturkanal Arte einen Unterstützer hat, erschienen die einzelnen Folgen. Jetzt gibt es alle Teile der Serie von Sacha Goerg in einem handgeletterten Sammelband beim Berliner Reprodukt-Verlag. Der zu Herzen gehende Graphic-Novel-Thriller schafft damit den Sprung in die analoge Welt. Zu Recht, muss man sagen, denn erst als Buch kann er zum Pageturner werden, und erst als Buch lässt er sich mit allen Sinnen erleben.

Goergs Held heißt Desmond, er ist 32 Jahre alt und hat nicht nur seinen Job verloren, sondern ist auf dem besten Wege, auch noch seinen einzigen Sohn Theo an seine Ex-Frau zu verlieren. Die hat sich nach acht Jahren von ihm getrennt und sich gleich einen neuen Mann geangelt. Desmond wird nun das Gefühl nicht los, dass seine Ex-Frau alles dafür tut, dass er seinen Sohn nicht mehr zu Gesicht bekommt.

So ist es nicht gerade sein Glückstag, als Desmond Theo von der Schule abholen will, dort aber nur erfährt, dass seine Ex-Frau ihm schon zuvorgekommen ist. Es schneit, und die Freitreppe vor der Schule ist so spiegelglatt, dass Desmond ausrutscht und sich ordentlich auf den Rücken legt. Der Wind reißt ihm das Foto seines Sohnes aus der Hand, und als er dem durch die Luft wirbelnden Andenken hinterherstürmt, prallt er mit einer fremden Frau zusammen: Rose. Sie entpuppt sich als eine eigentümliche, mysteriöse Person. Die Lösungen der Rätsel, die sie umgeben, halten einige Überraschungen bereit. Eines der Geheimnisse, die es zu lüften gilt, hängt mit der Reliquienjagd eines alternden Industriellen zusammen. Er verfolgt Rose unerbittlich und bringt damit auch Desmond und den kleinen Theo in Gefahr.

Fantastisch gelöst

„Roses Lächeln“ ist ein toll gezeichneter Thriller für die kalten Tage des Jahres. Panelrahmen werden durch Goergs Aquarellzeichnungen völlig überflüssig – das ist hier fantastisch gelöst. Zudem wechselt er immer wieder zu freigestellten Szenen, die die dargestellten Personen noch eindringlicher ins Blickfeld rücken. Manchmal sind die Figuren etwas klischeehaft, aber das stört überhaupt nicht, denn ansonsten haben sie ganz nachvollziehbare Ecken und Kanten. Gelungen sind vor allem die Charaktere Desmond, Rose sowie der gelbe Pullover tragende, homosexuelle Großindustrielle, der vor nichts zurückschreckt.

Sacha Goerg, 1975 in Genf geboren, hat den belgischen Autorenverlags „L’Employé du Moi“ mitbegründet und ist in Deutschland auch als einer der Zeichner der Graphicnovela „Sechs aus 49“ (als Buch bei Schreiber & Leser) bekannt geworden. „Roses Lächeln“ dürfte den Belgier nun noch bekannter machen – es wird Zeit, dass er nachlegt.

Sacha Goerg: Roses Lächeln, Reprodukt Verlag, Berlin, 2015, 102 Seiten, broschiert, 20 Euro, ISBN 978-3956400681, Leseprobe

Seitengang dankt dem Reprodukt-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.