Nazis klatschen

Als der baden-württembergische Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger (CDU) im Dezember 1966 deutscher Bundeskanzler wird, schreibt der Philosoph Karl Jaspers: „Dass aber ein ehemaliger Nationalsozialist nun die Bundesrepublik regiert, bedeutet: nunmehr gilt es als gleichgültig, einst Nationalsozialist gewesen zu sein.“ In Paris fragt eine Frau ihren Mann: „Serge, was können wir tun?“ Weniger als zwei Jahre später wird diese Frau Kurt Kiesinger auf einem CDU-Parteitag eine schallende Ohrfeige verpassen und ihn als „Nazi“ bezeichnen. Die Frau heißt Beate Klarsfeld, und die Ohrfeige ist der offizielle Auftakt für ihren Kampf gegen alte und neue Nazis, gegen Antisemitismus und für Israel. Die Franzosen Pascal Bresson und Sylvain Dorange haben über die Geschichte von Beate und Serge Klarsfeld einen aufschlussreichen, historischen Comic geschaffen, der endlich auch auf Deutsch vorliegt.

Das deutsch-französische Paar hat sein Leben dem Kampf gegen das Vergessen gewidmet. In der Graphic Novel sagt Serge Klarsfeld bei einem Interview: „Wir haben unsere Pflicht getan. Wir haben mit unseren militanten und aufmüpfigen Aktionen ein Beispiel für bürgerliches Engagement gegeben.“ Es gibt Filme, Bücher und natürlich allerlei Dokumentationen über sie. Ja, das Theater Osnabrück hat einen Teil ihres Lebens sogar als Oper auf die Bühne gebracht. „Beate & Serge Klarsfeld: Die Nazijäger“ ist jedoch die erste Graphic Novel über das politisch aktive Paar. Drehbuchautor Pascal Bresson und Illustrator Sylvain Dorange ist es dabei in weiten Teilen gelungen, die Ereignisse so genau wie möglich, aber auch für junge Leser*innen möglichst aufschlussreich zu erzählen. Vorlage dafür waren die Memoiren der Porträtierten.

Im Mai 1960 begegnen sich Beate und Serge das erste Mal. Beate ist Au-pair-Mädchen in Paris, Serge steht am Ende seines Politikstudiums. Als er ihr von seiner Familie erzählt, ist sie erschüttert – das Dritte Reich wurde bei ihr zu Hause totgeschwiegen. „Man machte weiter, und unter dem Schleier des Vergessens gab man ein reines Gewissen vor.“ Serge ist Jude. Seine Familie wurde in der Nazi-Zeit verfolgt, sein Vater starb im Vernichtungslager Auschwitz.

Ihre Methoden wandeln sich

Beate und Serge heiraten und nehmen sich vor, fortan die Ruhe der Alt-Nazis zu stören und sie aus ihren politischen Ämtern zu heben; ehemalige hochrangige NSDAP-Mitglieder zu entlarven, die weltweit untergetaucht sind; und jeglichen Mantel des Schweigens herunterzureißen. Ihre Methoden wandeln sich. Erst sind es Briefe an Behörden und einflussreiche Persönlichkeiten oder Artikel und Stellungnahmen in französischen Zeitungen. Dann suchen die Klarsfelds direkte Wege in die Öffentlichkeit und bringen unter anderem Flugblätter unter die Leute.

Zuletzt schrecken die beiden auch nicht mehr vor Entführungen zurück: 1971 wollen sie zum Beispiel den ehemaligen Gestapo-Chef Kurt Lischka kidnappen. In Bolivien entlarven sie das Versteck des Kriegsverbrechers Klaus Barbie, der wegen seiner Grausamkeit den Beinamen „Schlächter von Lyon“ trug. Barbie war für die Folterung und Ermordung von Mitgliedern der Résistance – unter ihnen Jean Moulin – in Südfrankreich verantwortlich. Darüber hinaus wurden ihm zahlreiche andere Verbrechen zur Last gelegt, darunter Massaker, Razzien sowie die Deportation von 44 jüdischen Waisenkindern („Kinder von Izieu“). Die Jagd nach Klaus Barbie hat 12 Jahre gedauert. Am Ende erreichen Beate und Serge, dass ihm in Lyon der Prozess gemacht wird. Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wird er 1987 zu lebenslanger Haft verurteilt.

„Kino auf Papier“

Bresson und Dorange porträtieren die Klarsfelds detailliert, feinsinnig und mit Respekt. Für den Autor waren die Klarsfelds „moderne Helden“, er verfolgte ihre Spuren schon, seit er 15 Jahre alt war. Zur Entstehungsgeschichte dieser Graphic Novel erzählt Bresson dem Carlsen-Verlag, wie Beate und Serge ihm zunächst misstrauisch begegnet seien, obgleich Serge bereits Bressons Buch über die französische Holocaust-Überlebende Simone Veil kannte (bislang nicht ins Deutsche übersetzt). Dann aber habe man sich sechs Monate lang jede Woche getroffen, Serge habe sogar sein Archiv geöffnet und Bresson unveröffentlichte Fotos aus Konzentrationslagern gezeigt. Drei Jahre arbeiteten Bresson und der Illustrator Sylvain Dorange an dem Buch, bis es das war, was es nach Worten von Bresson werden sollte: „Kino auf Papier.“

Ja, es ist tatsächlich Kino auf Papier. Eine Biographie, die wie ein Thriller angelegt ist, die Zeitsprünge macht, die verlässlich und immer akribisch genau informiert, die aber auch sehr emotional ist. Insbesondere die in sepia-grau gezeichneten Rückblenden auf die Familiengeschichte der Klarsfelds gehen an die Nieren. Bedrückend sind die Momente, in denen deutlich wird, dass die alte Nazi-Riege nicht tatenlos zuschaut, wie die Klarsfelds sie hartnäckig bekämpfen. Eine Auto-Bombe bedroht das Leben der beiden, Steine zertrümmern Fensterscheiben und Droh-Anrufe rütteln am Nervenkostüm der Aktivisten.

Beate und Serge Klarsfeld überleben all das und leben auch heute noch. Ihre Geschichte kann jetzt von nachfolgenden Generationen gelesen werden, die zum Teil selbst schon die Erfahrung machen, dass Protest, Demonstrationen und das Auflehnen gegen die Tatenlosigkeit der Eltern-Generation Dinge voranbringt, ganz nach Gudrun Pausewang: Etwas lässt sich doch bewirken. Dem Engagement von Beate und Serge Klarsfeld setzt diese Graphic Novel ein modernes Denkmal, das nicht nur Sehenswürdigkeit ist, sondern unerlässlich im Kampf gegen das Vergessen, den Beate und Serge begonnen haben. Auf dass er niemals ende.

Pascal Bresson / Sylvain Dorange: Beate & Serge Klarsfeld – Die Nazijäger, Carlsen-Verlag, Hamburg, 2021, 208 Seiten, gebunden, 28 Euro, empfohlen ab 14 Jahren, ISBN 978-3551793478

Anmerkung: Empfehlenswert ist dazu der Dokumentarfilm „Die Nazijäger – Beate & Serge Klarsfeld“ aus der Reihe „Geschichte treffen“ des Senders ZDFinfo, derzeit nur abrufbar über YouTube.

„Wir haben keine Beziehung“

Die Zeiten von „Sex sells“ sind vorbei. „Sex is everywhere, chemistry isn’t.“ Uns kommt die Chemie zwischen den Menschen abhanden, wir werden oberflächlich bei der Partnersuche, swipen durch Apps, suchen uns Menschen aus, als wären wir im Supermarkt, wo die Regale nach Aussehen und sexuellen Vorlieben sortiert sind.

Das französische Zeichner- und Autoren-Duo Florent Ruppert & Jérôme Mulot schlägt mit seiner schon sechs Jahre alten, aber jetzt erst auf Deutsch übersetzten Graphic Novel „Die Perineum-Technik“ genau in diese Kerbe der heutigen Gesellschaft. Das Perineum ist übrigens die sensible Region zwischen After und äußeren Geschlechtsorganen, besser bekannt als „Damm“. Hebammen, Geburtshelfer und Schwangere kennen das Perineum als mögliche Komplikation am Ende einer Geburt, Proktologen empfehlen eine Massage, um Verstopfungen zu lösen. Die „Perineum-Technik“ aber kümmert sich nur um den Samenerguss des Mannes – oder vielmehr: verhindert ihn. Dadurch sollen auch Männer zu multiplen Orgasmen fähig sein.

Als sich der Video-Künstler JH und Sarah online zum unverbindlichen Skype-Sex treffen, sind sie von der Perineum-Technik jedoch noch weit entfernt. Ihre Wege kreuzen sich in der Dating-App „OkCupid“, einer der ältesten Kontaktbörsen im Internet. Sarah nennt sich wenig einfallsreich „sarah.hot“, JH steht ihr in nichts nach und heißt „jh.soft“. Weichspülprogramm vorprogrammiert? Von wegen!

Nutzt sein Wesen als Neunte Kunst

Die ersten acht Seiten dieser Geschichte reißen den Leser gleich in eine surreale Sequenz, die man nicht einfach überblättert. Das ist kein Comic, der nur eine Geschichte erzählt, sondern er nutzt sein Wesen als Neunte Kunst und will vom Leser aktives Mitdenken: Eine Frau und ein Mann steigen auf eine Leiter, deren Füße bedenklich nah am Abgrund eines hohen Monolithen stehen. Die beiden kippen die Leiter um, und wie sie im Fallen begriffen sind, ziehen sie sich aus und stecken einen Dolch und ein Schwert in die Seite des Monolithen, auf dass ihr Fall abgebremst wird, während sie Sex haben, um dann aus dem Panel-Rahmen zu fallen, als ein Telefon klingelt und die reale Welt die Phantasie stört.

Während sie fallen – und vielleicht ist das schon eine Anspielung darauf, wie sich Menschen bei einem vertrauten Partner mehr und mehr fallen lassen können, der Monolith und die damit einhergehende Fallhöhe also immer mächtiger werden -, sprechen JH und Sarah unpassend unaufgeregt darüber, wie gut er sie sehen kann und mit welchen Bildern im Kopf sie gewöhnlich zum Orgasmus kommt. Hier werden also auf den ersten acht Seiten mehrere Ebenen geöffnet, die viel Raum für Interpretationen lassen. In Texten liest man zwischen den Zeilen, hier aber muss man ganz klar auch zwischen den Panels lesen, denn so einiges ist mehrdeutig, und wenn nicht das, dann zumindest zweideutig.

Doch es geht in dieser Graphic Novel nicht bloß um Cybersex in seinen unterschiedlichen Extremen. JH will mehr, vor allem: mehr wissen. Und mit dem Plus an Wissen steigt auch das Interesse an Sarah und einem realen Treffen. Doch Sarah will das alles nicht. Sie will den unverbindlichen Onlinesex, JH die zwischenmenschliche und echte Beziehung. Er: „Hey, bleib doch noch kurz, nur das eine Mal.“ Sie: „Warum denn? Wir sind doch gekommen.“ Der Orgasmus als Ziel. Aber JH will reden und eine persönliche Verbindung: „Wir haben jetzt seit fast einer Woche diese Beziehung.“ Sie: „Wir haben keine Beziehung.“ Das, was sie haben, lässt sich nicht mal als Freundschaft Plus bezeichnen, denn er weiß praktisch nichts über sie, und sie nur das, was er ihr aufdrängt. Dennoch lässt sie sich eines Tages auf ein Treffen ein. Auf einen Kaffee? Ein gemeinsames Essen im Restaurant?

„Wollen Sie meine Brüste sehen?“

Weit gefehlt: er darf sie auf eine private Swingerparty begleiten – und weiß offenbar nicht annähernd, worauf er sich da einlässt. Sarah ist wesentlich erfahrener, und so sehen wir ihm mit Sarah belustigt dabei zu, wie er eine – abgesehen von ihren Stiefeln – splitternackte Frau nach der Uhrzeit fragt und pikiert ist, wie an der langen Tafel unverhohlen Geschlechtsteile entblößt werden. Auch seins. Während Sarah zwischen seinen Beinen beschäftigt ist (keine Sorge: für den Leser ist darüber das Tischtuch des Schweigens gedeckt), nimmt er Kontakt zur Tischnachbarin auf, die sich „Paris.Bitch“ nennt. Auf seine Frage, was sie „so macht“, also wieder eine Frage abseits der Sexualität, der gemeinsamen Sache, ergießt sich ein Schwall möglicher Antworten aus ihrem Mund: „Ich bin Feministin und organisiere Twerk-Workshops.“ / „Wollen Sie meine Brüste sehen?“ / „Polizistin in Marseille.“ / „Ich bin Schach-Europa-Meisterin. Ja, in dieser Liga spielen nur wenige Frauen.“ Alle Identitäten und Antworten sind möglich und sind es gleichzeitig nicht. Es ist das Wesen des unverbindlichen Sex, ob real oder online, dem Gegenüber möglichst wenig preiszugeben vom eigenen Ich. Bin ich ich oder spiele ich eine Rolle? Beim nächsten Partner kann die Antwort schon eine andere sein. Und allzuoft ist es nur Lug und Trug, denn schließlich geht es nur um das eine.

Ruppert & Mulot wissen das zeichnerisch und auf den verschiedenen Erzählebenen dicht und nachvollziehbar einzufangen. Insbesondere die Figur des JH ist hervorragend umrissen. Das große Manko dieser Graphic Novel ist allerdings die Darstellung des weiblichen Geschlechts. „Die Perineum-Technik“ nimmt einfach zu sehr den männlichen Blick ein. Je mehr die Geschehnisse aus der Online-Welt in die reale treten, desto deutlicher wird das. Die Frauen heißen „sarah.hot“ oder „paris.bitch“, was schon ziemlich schlicht ist, selbst wenn es parodisch gemeint wäre, und dienen als Hochglanz-Porno-Phantasie auf dem Weg zum trockenen Orgasmus. Frauen sind idealisierte Kopfgeburten und bloße Spielflächen für eine feuchte männliche Phantasie. Aber, und das ist kein kleines Aber: man sollte „Die Perineum-Technik“ nicht auf die unglückliche heterosexuell-männliche Sicht reduzieren, weil es trotzdem noch ein humor- und zeichnerisch kunstvolles Werk ist, das mit den Ebenen spielt und seine Vielschichtigkeit zwischen Bild und Text zu nutzen weiß.

Florent Ruppert & Jérôme Mulot: Die Perineum-Technik, Reprodukt Verlag, Berlin, 2020, 104 Seiten, Klappenbroschur, 20 Euro, ISBN 978-3956402180

Lebst du schon, oder existierst du noch?

Den ersten Spatenstich gab’s bereits im September 2015 im Internet. Die 1972 geborene Comic-Autorin und Cartoonistin Katharina Greve zeichnete seitdem online Woche für Woche jeweils eine Etage eines Hochhauses, bis sie im September 2017 das Dachgeschoss fertig hatte. Inzwischen hat der Webcomic es in die Welt der Bücher und Buchrollen geschafft. Das farbig illustrierte „Hochhaus“ dokumentiert schonungslos mit Witz und manchmal fiesem Humor das Leben unterschiedlichster Menschen in einem Wolkenkratzer.

Im Kellergeschoss beginnt die Reise quer durch alle Wohnungen mit einem Blick in eine Ehe, in der die Partner das Liebenswürdige aneinander schon lange aus den Augen verloren zu haben scheinen. Loriot und Ekel Alfred hätten diese Szene nicht besser beschreiben können: Ein Mann kramt in einer Umzugskiste, die wahrscheinlich schon lange kein Tageslicht mehr gesehen hat. Seine Frau leuchtet ihm mit der Taschenlampe – funktionierendes Kellerlicht scheint es nicht zu geben. „Wie schon Goethe sagte: ‚Mehr Licht!‘ – blöde Kuh!“, herrscht er seine Frau bildungsbürgerlich an. Die denkt im „Morgen bring‘ ich ihn um, morgen bring‘ ich ihn um“-Mantra der genervten Ehefrau vor sich hin: „Wenn ich ihn jetzt umbringe, wären sogar seine letzten Worte abgedroschen.“

Es treffen sich Not, Rassismus, Chauvinismus und Vergnügen

Menschliche Eiseskälte herrscht da im Keller. Aber das zieht sich nicht durch alle 102 Stockwerke dieses mehr oder minder ehrenwerten Hochhauses. Es gibt Orte der Nachbarschaftshilfe, ja, sogar der Nachbarschaftsliebe. Es grassieren Klatsch und Tratsch und es treffen sich Not, Leid, Rassismus, Chauvinismus, Masochismus und Vergnügen. Im Erdgeschoss strickt Frau Möller ihrem Mann die Norwegerpullis, die er mit Vorliebe oder voller Devotie trägt. Über dem Plüschsofa hängen gerahmte Fotos der Lieben, in der Küche steht der Hackenporsche für die nächsten Einkäufe parat. Im Flur und hinter der Wohnzimmertür stapeln sich Pakete – die Paketdienste klingeln immer nur hier. Herr Möller ist genervt, schon wieder ist ein Paket bei ihnen abgegeben worden, dabei sind die Mutlus aus der 5. Etage sicher zu Hause. Seine Frau aber sieht in dem Nachbarschaftsdienst vor allem etwas Gutes: sie hätten sonst gar keine sozialen Kontakte mehr.

Mag vielleicht an dem Geruch in ihrer Wohnung liegen. Davon erfährt der Leser allerdings erst, als er bei den Mutlus in der 5. Etage angekommen ist. Die Tochter ist regelrecht angewidert, dass sie ihr Paket dort abholen muss. Im 4. Stock erfahren wir, dass in der 8. Etage eine Wohnung frei wird, in anderen Wohnungen ist eingebrochen worden, in der 7. ist eine Mutter verärgert, dass ihr Sohn, der im selben Haus wohnt, sie nie besucht. Dessen Partnerin aber, das wird im 16. offenbar, muss davon ausgehen, dass der Peter zweimal in der Woche bei seinen Eltern ist. Stattdessen aber geht er zu einer Domina und lässt sich den Hintern versohlen. Und so geht es Stockwerk für Stockwerk höher und höher in die Welt der deutschen Spießigkeit.

Architektonischer Aufriss der deutschen Durchschnittswohnung

Der Leser sieht dabei oft dasselbe Dreierlei: Küche, Flur, Wohnzimmer. Ein architektonischer Aufriss der deutschen Durchschnittswohnung. Oscar Wilde soll gesagt haben: „Leben ist das Allerseltenste in der Welt – die meisten Menschen existieren nur.“ Er könnte „Das Hochhaus“ rezensiert haben. Niemand will in diesem Haus wohnen, niemand, und doch erkennt man Anzeichen von sich selbst in manchen Bildern. Weil wir ja alle auch Durchschnittsmenschen sind, weil Katharina Greve auch von uns erzählt, von dir und von mir. Und so gerät „Das Hochhaus“ auch zu einem diskreten Anschubser zum Hinschauen und Nachdenken.

Apropos Hinschauen: Der Webcomic hatte natürlich den Charme, dass er sich die Eigenheiten des Internets zu Nutze machte, sodass man liftgleich und schier endlos durch die Etagen scrollen konnte. In der Buchrolle von „Round not Square“ gelingt Ähnliches. Hier ist das Hochhaus auf einer sieben Meter langen Seite komplett gedruckt und dann zusammengerollt worden.

Einzig bei der Edition des Avant-Verlags ändert sich die Art des Hinschauens. Das sehr schlanke, hochformatige Buch muss zum Lesen um 90 Grad gekippt werden, dann blättert man sich jeweils zwei Stockwerke pro Seite in die Höhe. So gelingt ein noch genaueres Hinsehen und Betrachten, und man entdeckt auch bald die noch so feinen Details, die Greve in ihrem Wimmelbild für Große versteckt hat.

„Das Hochhaus“ ist ein Buch zum Vielfachschauen, das sich immer wieder zur Hand nehmen lässt, eine Erzählung, die nie auserzählt ist. Nehmen Sie den Lift und drücken Sie alle Tasten!

Katharina Greve: Das Hochhaus, Avant Verlag, Berlin, 2017, 56 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3945034712, Leseprobe

Katharina Greve: Das Hochhaus, Round not Square, Berlin, 2017, 30 Euro, Bezug über den Verlag

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Eternauta reloaded

Im Jahr 2016 erschien in Deutschland zum ersten Mal der bekannteste argentinische Comic der 50er Jahre: „Eternauta“ von Héctor Germán Oesterheld. Der Science-Fiction-Klassiker wird noch heute als hellsichtiges Vorzeichen der Militärdiktatur in Argentinien gelesen, ist aber auch eng mit dem Leben seines Autors verknüpft. 1969 hat Oesterheld ein Remake seines Stoffes geschrieben – mit einem neuen Zeichner an seiner Seite, der einen neuen illustratorischen Zeitgeist vertrat. Auch dieses Buch ist nun auf Deutsch erschienen, vermag aber den ursprünglichen Geist des Eternauta nicht mehr so recht einzufangen. Das allerdings hat verständliche Gründe.

Wie schon im Ur-Eternauta sitzt der Held Juan Salvo eines Abends mit drei Freunden in Buenos Aires beim Kartenspiel zusammen, als plötzlich das Radio verstummt, das Licht erlischt und es draußen zu schneien beginnt. Für uns Europäer ist das nicht gerade das siebte Weltwunder, aber in der argentinischen Hauptstadt hat es zuletzt 1918 Schnee gegeben, und umso faszinierter sind die Großstädter von diesem Phänomen. Beim Blick aus dem Fenster wird den Vieren aber schnell klar, dass das kein gewöhnlicher Schnee ist. Wie ein Leichentuch legt sich eine dichte Decke aus tödlichen Flocken über die Außenwelt, und alles Lebende, was von ihnen berührt wird, stirbt augenblicklich.

Juan überprüft alle Fenster im Haus und berichtet seiner Frau Elena und Tochter Martita von der Katastrophe, die über sie hereingebrochen ist. Einen der Freunde aus der Kartenrunde hält die Todesgefahr jedoch nicht zurück – zu groß ist die Sorge um die daheimgebliebene Familie. Er rennt zur Tür hinaus und fällt nach nur wenigen Metern leblos zu Boden. Ausgelöscht. Die Freunde werden stumme Zeugen, die nur tatenlos zusehen können.

Die Großmächte haben Südamerika ausgeliefert

Das Radio macht schließlich alle Deutungen, woher der Niederschlag kommen mag, zunichte: Außerirdische haben ganz Lateinamerika angegriffen und rotten jetzt die Bevölkerung aus. Hilfe wird nicht kommen, denn die Großmächte haben Südamerika ausgeliefert, um selbst nicht angegriffen zu werden. Die Argentinier bestärkt das nur noch mehr: Sie werden sich gemeinsam dem Gegner in den Weg stellen. Und so wird auch in diesem Remake aus einer Science-Fiction-Nummer ein Kriegs-Epos.

Neu ist indes vor allem, dass die Großmächte den Angriff der Außerirdischen auf Lateinamerika tolerieren – eine deutliche Anspielung auf den US-amerikanischen imperialistischen Einfluss. Argentinien befand sich zum Entstehungszeitpunkt der neuen Fassung in einer Diktatur. General Juan Carlos Onganía war 1966 durch einen Putsch an die Macht gekommen und regierte das Land mit einem wirtschaftsliberalen Kurs, der den Arbeitern mehr und mehr gegen den Strich ging.

Als am 29. Mai 1969 die ersten drei Seiten des neuen „Eternauta“ in der Illustrierten „Gente“ („Leute“) erschienen, begann in Córdoba, der zweitgrößten Industriestadt des Landes, der berühmte „Cordobazo“, ein Volksaufstand, bei dem sich Arbeiter und Studenten zu einer großen demonstrierenden Masse vereinten. Es kam zu gewaltsamen Zusammenstößen mit Sicherheitskräften; viele Menschen wurden getötet. Onganía musste später zurücktreten.

„Sie baten mich, meine Zeichnungen zu ändern“

Neu ist aber auch der Stil der Illustration, den der neue Zeichner Alberto Breccia einführt: düster, mit teils unvollständigem Strich, die Gesichter oft grimassenhaft verzerrt. Das kommt bei vielen Lesern und auch im Verlag der populären Zeitschrift überhaupt nicht gut an. Breccia erinnert sich: „Sie riefen mich an und baten mich, meine Zeichnungen zu ändern, sie klarer und kommerzieller zu machen. Ich antwortete, dass dies mein Zeichenstil sei, und wenn er ihnen nicht gefalle, sollten sie ‚Eternauta‘ nicht weiter publizieren.“

Jede Woche sollten drei neue Seiten veröffentlicht werden. Der Verlag sprach auch mit Oesterheld, der aber der Meinung war, das Werk müsse fertiggestellt werden. Sie vereinbarten deshalb, den größeren Teil der Story zu kürzen und in wenigen Kapiteln zusammenzufassen. Das wiederum führt dazu, dass die Geschichte gehetzt wirkt, während sie in der Ursprungsfassung manchmal sogar zu detailliert daherkam. Die erste Version kommt noch auf 392 Seiten, das Remake nur noch auf knappe 50 Seiten.

Man sollte sich in diesem Fall nicht an Seitenzahlen aufhalten. Der neue Eternauta ist ganz unabhängig von der Dicke des Bandes nicht die besser erzählte Story. Aber der Grund seines Scheiterns im Jahr 1969 ist elementar: Oesterheld und Breccia erzählen von Einzelnen, die sich zusammenschließen, um sich gegen eine Übermacht zur Wehr zu setzen, um ihrem Leben einen Sinn zu geben, während die Großmächte sie verraten. Vor dem Hintergrund der Unruhen des Jahres 1969 bekommt der Comic eine Realitätsnähe, die wohl nicht so recht in eine Zeitschrift zu passen scheint, die sich den Reichen und Schönen verschrieben hat. Die Realität im Lande darzustellen, und zwar mit den düsteren expressionistischen Zeichnungen, in denen Alberto Breccia sie sah, das ging dem Chefredakteur der „Gente“ entschieden zu weit. Nach nur 16 Wochen ist Schluss mit dem „Eternauta“, die Geschichte ist auserzählt, und Chefredakteur Carlos Fontanarrosa entschuldigt sich in einem Artikel bei seinen Lesern: „Unser Auftrag ist die Kommunikation und wir hätten uns auf die Ästhetik seiner Zeichnungen, die sie manchmal völlig unverständlich machte, nicht einlassen dürfen.“ Zurück zur Weltflucht mit den Schönen und Reichen.

Reine Comic-Freunde werden enttäuscht sein

Der „Eternauta 1969“ ist ein Werk für Eternauta-Fans, für historisch Interessierte im Bereich Lateinamerika oder für Kunstkenner. Reine Comic-Freunde aber werden vermutlich von der zusammengerafften Story enttäuscht sein und sollten eher zum Ursprungswerk greifen (hier geht‘s zur Seitengang-Rezension) – wenngleich das Nachwort, ein Essay von Guillermo Saccomanno und Carlos Trillo, die Entstehungsgeschichte des Comic-Remakes gut einordnet. Bedauerlich, dass Oesterheld und Breccia nie die Gelegenheit hatten, ihre neue Version des „Eternauta“ mit allen Facetten zu erzählen. Vermutlich hätte es die erste Version in den Schatten gestellt.

Oesterheld, Sohn eines deutschen Auswanderers und einer spanischen Mutter, hat wenige Jahre später seinen ganz eigenen Kampf erlebt. Man geht davon aus, dass er selbst um 1978 ermordet worden ist. Geklärt ist sein Verbleib jedoch nicht. Kurz vor einem erneuten Putsch des Militärs war er 1976 mit seinen vier Töchtern in den Untergrund gegangen, um für die Revolution zu kämpfen. Er kam nie zurück. Geblieben ist der Welt seine bedeutsamste Geschichte: der Eternauta, der ewig Reisende zwischen den Welten.

Héctor Germán Oesterheld / Alberto Breccia: Eternauta 1969, Avant-Verlag, Berlin, 2017, 64 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3945034699, Leseprobe

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Solange wir uns erinnern

Welches Erbe tritt man an, wenn der Vater stirbt? Wie gehen wir Söhne und Töchter mit dem Tod um, und wie halten wir das Andenken und die Erinnerungen an die Eltern und die Kindheit wach? Der spanische Illustrator Paco Roca hat mit „La casa“ versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden – und zugleich sein persönlichstes Werk vorgelegt: ein zutiefst berührendes Buch über sich und den Tod seines eigenen Vaters.

Ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters Antonio kommen die drei Geschwister Vicente, José und Carla im ehemaligen Ferienhaus der Familie zusammen, um das verwitternde Gebäude zu renovieren und es danach zu einem guten Preis verkaufen zu können. Vicente ist dabei einer der hilfreichsten Gesellen, denn der Mechaniker weiß mit Werkzeug umzugehen und beginnt gleich mit den ersten Instandsetzungen.

Ganz anders als José: der verdient sein schmales Geld als Schriftsteller, hat eher zwei linke Hände und steht sich oft selbst im Weg. Als er mit dem Schlauch den trockenen Garten bewässern soll, macht der Tollpatsch sich erst mal selber nass. Niemand käme wohl auf die Idee, diesen Mann einen Liegestuhl aufbauen zu lassen, geschweige denn, ihn mit Handwerksarbeit zu betrauen. Und dann ist da noch Carla, das Nesthäkchen, das den Papierkram rund ums Haus übernommen hat, aber auch sonst keine Arbeit liegen lässt.

Vorwurf als scheinbar unüberwindbare Mauer

Zwei Geschwister, die anpacken können, und ein Heiopei-Bruder, dem man eher unterstellt, dass er schon eine Ausrede finden wird, warum er dieses oder jenes nicht tun kann – schon diese Konstellation sorgt für Streitereien. Vicente aber macht zusätzlich noch das Fass auf, dass er im Krankenhaus ganz allein die Entscheidung treffen musste, ob Papa Antonio reanimiert werden soll oder nicht. Er ließ den Vater gehen. Und zweifelt nun furchtbar, ob er die richtige Wahl getroffen hat. Zudem steht der gegenseitige Vorwurf, man habe sich nicht ausreichend um den kranken Antonio gekümmert, als scheinbar unüberwindbare Mauer zwischen den Geschwistern.

Und dann sind da noch die Erinnerungen. Jeder Leser kennt sie, diese Erinnerungen, die einen plötzlich überfallen: an gemeinsam Erlebtes, an Schrullen und Marotten der Eltern, an Liebgewonnenes und Eigentümliches, an Vertrautes und Fremdgewordenes. Carla erzählt: „Neulich war mir, als hätte ich ihn auf der Straße gesehen. Ich wollte ihn rufen, aber dann fiel mir ein, dass er nicht mehr da ist. Das hat mich traurig gemacht.“

Vicente und Carla stehen am Pool, der – fast metaphorisch – wasserlos vor sich hinrottet, während die Erinnerungen sie überschwemmen. Wie sie als Kinder fast einen Aufstand angezettelt und gedroht haben, erst dann beim weiteren Ausbau des Hauses mitzuhelfen, wenn sie einen Pool bekämen. „Den ganzen Sommer haben wir gegraben.“ – „Aber fertig war er erst im November, als es zu kalt zum Baden war.“ Vor dem geistigen Auge flimmern der stets schuftende Vater, mal im Garten, mal in der Garage, und die Mutter, die in der Tür steht und ruft, dass das Essen kalt wird.

Zeichnerisch grandios gelungen

Zeichnerisch sind die Überänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die Zeitsprünge und Erinnerungsblitze grandios gelungen. „La casa“ ist kein Comic der grellen Farben, sondern ein behutsam koloriertes Werk, das sich in vielen herbstlichen Ockertönen ergeht, ohne dadurch eintönig zu wirken. So gelingt es Paco Roca ganz wunderbar, (Ver-)Stimmungen einzufangen, auch durch den Einsatz von filmischen Gestaltungsmitteln wie Zoom oder Nahaufnahmen.

Nehmen Sie sich Zeit für diese Graphic Novel. „La casa“ benötigt Muße und Geduld, um wie ein leichter Herbstwind durch die Geschichte zu ziehen und zaghaft ein paar Erinnerungen aufzuwirbeln. Am Leser geht dieses Buch nicht spurlos vorbei; und im Erinnern an die eigene Familie wird gewiss, dass das Altern und das Abschiednehmen lange Prozesse sind, vor denen wir nicht flüchten sollten. Und dass eine Familiengeschichte nicht stirbt, wenn ein Mensch von uns geht. Solange wir uns erinnern.

Paco Roca: la casa, Reprodukt Verlag, Berlin, 2016, 128 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3956401046, Leseprobe

Seitengang dankt dem Reprodukt-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.