Diese Rolle spielt Design und Architektur im Iran

Wer in den Niederlanden abends durch die Straßen flaniert, kann meist einen unverstellten Blick auf das Interieur werfen. Designmöbel oder Eiche brutal, Raufasertapete, Stuckdecke oder Wischtechnik in der Trendfarbe Macchiato – vor allem Design- und Architekturfreunde genießen solche Einblicke. Aber wie leben Menschen in Ländern abseits der westlichen Standards? Die Münchnerin Lena Späth zeigt in „Beyond Curtains“ selten Gesehenes: fantastisch designte Häuser in einem modernen Iran.

Lena Späth ist studierte Orientalistin und reist im Herbst 2008 zum ersten Mal nach Teheran, um dort für fünf Monate Farsi zu lernen. Als sie zurück nach Deutschland kommt, hat sie Unmengen an Büchern und Handarbeiten im Gepäck, aber auch ihr Herz an einen Iraner verloren. „Durch ihn, seine Freunde, Musik, Lieblingsgedichte und -bücher, Familie, Kaffeeläden, seinen Slang und seine Geschichten traf ich den wirklichen Iran“, schreibt sie in ihrem Vorwort. Seitdem ist sie immer wieder in den Iran geflogen, um Teheran-Luft zu schnuppern und durch das „Freilichtmuseum der Jahrtausende zu reisen“ und die „Kontraste zwischen den liberalen und traditionellen Iranern zu erleben“.

Diese Kontraste finden sich auch in der iranischen Innenarchitektur. Viele Fotos zeigen, wie sehr das Traditionelle als kulturelles Erbe erhalten wird und zugleich Geschichte und Modernität kunstvoll miteinander kombiniert werden. Eines der besten Beispiele dafür ist das Hotel Manouchehri in der Wüstenstadt Kashan, rund drei Stunden südlich von Teheran. Der Hoteleigentümer, ein begeisterter Sammler iranischer Kunst und Textilien, hat ein aus dem 19. Jahrhundert stammendes Kaufmannshaus restauriert. Wir sehen den üblichen Portikus, dazu wunderbare Muster in den Schlamm- und Ziegelmauern sowie farbenfrohe Glasfenster und einen fetten Kronleuchter in der Lobby. Dazu hat der Innenarchitekt Shahnaz Nader minimalistische Möbel in klaren Farben arrangiert.

Savoir-vivre im Iran

Oder die Villa Shomal, ein 1992 entstandenes Gebäude, das 2016 umfangreich renoviert und modernisiert wurde. Designer Ali Ravanpak, ein ambitionierter Koch, baute, für Iraner völlig irrwitzig, die Küche in die Mitte des Wohnbereichs. An der Terrasse laden weiße und orange Kissen zum Verweilen am Pool ein. Und obwohl die Villa den Chic der westlichen Welt einfängt, behält sie doch den Charme der persischen. Fenster, die an Schießscharten erinnern, schützen den privaten Raum vor allzu neugierigen Blicken von außen. Grandios und gemütlich einladend: die halbrunde Couch rund um den Kamin und den freien Blick auf die Küche. Savoir-vivre im Iran.

Dass diese Art der Inneneinrichtung nicht repräsentativ ist für alle Schichten, macht Späth im Vorwort deutlich. Auch im Iran sind Design und Innenarchitektur eher Themen für die Familien der Mittel- und Oberschicht. Trotzdem ist „Behind Curtains“ kein bloßes Schaubild von den Hütten und Palästen der Reichen und Etablierten, sondern eine anschauliche Einführung, wie hinter alten, bisher verschlossenen Mauern trotz Tradition die Moderne Einzug hält.

Vom Eigenverlag zur Buchrolle

Lena Späth hat ihre Arbeit im Jahr 2017 als „Behind Closed Curtains“ im Eigenverlag herausgegeben. Wenig später erscheint es als „Beyond Curtains“ auch im Berliner Buchrollen-Verlag „Round not Square“, wo neben einigen herausragenden Foto- und Kunstbücher(-rollen) auch das zauberhafte Kindermärchen „Wilma und Wolf“ oder die Graphic Novel „Shipwreck“ erschienen sind.

Der Verlag revolutioniert seit einigen Jahren den Buchmarkt, indem er Bücher als handgebundene Buchrollen auf den Markt bringt. Für „Beyond Curtains“ bedeutet das, sich den Worten und Fotos auf besonders intensive Weise widmen zu können. Ein schnelles Durchblättern ist hier unmöglich. Stattdessen beschäftigt sich der Leser und Beschauer beim Aus- und Einrollen ganz bewusst mit dem Entdecken von hoch- oder querformatigen, kleinen oder ausladenden Fotos. Die rund 15 Meter lange Schriftrolle schafft eine fast endlos scheinende Fläche der Möglichkeiten.

Lena Späth schreibt, sie habe bei ihrer Arbeit ein ultimatives Ziel gehabt: „Nicht nur jedem den Blick hinter die Vorhänge zu erlauben, sondern auch über die eigene Nasenspitze hinaus.“ Wir haben nur diese eine Welt – raffen, ach was: rollen (!) wir die Vorhänge beiseite und schauen sie uns an!

Lena Späth: Beyond Curtains, Round not Square, Berlin, 2017, 15 Meter lang, 20 Zentimeter hoch, handgebunden in Buchleinen mit eingebetteten Magneten, 50 Euro, bestellbar über den Onlineshop des Verlags, Video, Webseite von Lena Späth

Seitengang dankt dem Verlag „Round not Square“ für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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